Sandrine Jorand – journalist – radio & web documentaries – films
Tu verras un enfant perché au-dessus d'un pin effilé/Désireux de ravir la couvée du nid de la lumière/Et tu lui demanderas/"Où est la demeure de l'ami ?" Sohrab Sepehri (traduction D. Shayegan)

Massalia: Hommage an Marseille


Erzähung über die Sendung Massalia
Die Sendung Massalia

Im Winter 2012 war ich in den engen Gassen der ältesten Gegend von Marseille, Le Panier, unterwegs und führte Interviews. Le Panier, nördlich vom alten Hafen gelegen, gilt nicht nur als das älteste Stadtviertel der Stadt, sondern auch als das älteste ganz Frankreichs! Superlative gibt es viele in den Erzählungen über Marseille.
Ich ging also auf den Wegen, auf denen die Griechen 600 v. Chr. das erste Mal den Boden von Massalia betreten haben. Sie ließen sich hier nieder und trugen zur Ausstrahlung, Entwicklung und auch zum Mythos Marseilles sehr viel bei.
In diesem Winter 2012 traf ich in der Gegend
Le Panier, die durch die Nähe zum Hafen oft als erste Heimat diente, Marseiller, die mir von anderen Besuchern der Stadt berichteten.
Sie erzählten mir von den Korsen, die Ende des 19. Jahrhunderts mit Schiffen nach Marseille reisten. Sie blieben in Le Panier und bevölkerten die Gegend. Später kamen die Italiener. Die Korsen zogen nach und nach in umliegende Bezirke. Dann kamen die Portugiesen, die Vietnamesen und in den 1960er-Jahren viele Algerier und Nordafrikaner. Alle diese Migrationswellen haben aufeinanderfolgend das Stadtviertel durchspült.
Heute rennen ihre Kinder immer noch gerne von abends bis Mitternacht durch die Gassen und steigen hastig die Treppen hinauf und hinab.

Hier und da trägt eine Oma ihren Stuhl auf den engen Bürgersteig und verweilt den Tag auf ihrem Sitz, grüßt die Nachbarn und unterhält sich. Und zu den Festtagen wird Couscous auf den Platz gebracht und verkauft.
Als ich wandernd die Hafengegend, die schmalen Innenhöfe, die Sicht von dort aus zum Vieux Port entdeckte, wurde ich von den Einwohnern warm und herzlich empfangen. Sie sprachen zu mir von ihrer Kindheit, ihren Lieblingserinnerungen, ihrer Liebe zur Stadt, als ob ich ein Familienmitglied wäre. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich diese Großzügigkeit zurückgeben sollte. Ich stellte mir vor, wie Marseille damals klang, als die ersten Korsen, Italiener, Spanier, Berber und Algerier sich in der

Stadt niederließen. Wie könnte Marseille mit ihren Sprachen und ihren Stimmen in einer Sendung klingen? Ich dachte, die beste Hommage an diese Menschen wäre, sie in ihrer Originalsprache hörbar zu machen. Ich fragte meine Interviewpartner von Massalia nach den Geschichten ihrer Ankunft in Marseille und ihren stärksten Erlebnissen. Und noch einmal öffneten die Marseiller ihre Herzen. Sie sprachen von Entwurzelung, von Flucht vor dem Krieg, dem Genozid. Ab und zu schnürte es ihnen die Kehle zu und manchmal kamen ein paar Tränen hoch. Die Marseiller sprachen aber auch oft darüber, wie Marseille sie als Reisende damals empfangen hat und wie wohl sie sich in der Stadt fühlen. Das Tragische wurde komisch. Wir lachten laut zusammen.
Ich widme Marseille und ihren Bewohnern die Sendung Massalia , weil Marseille eine Stadt wie keine andere ist.

Autorin: Sandrine Jorand

Erschienen in der Hörspiel- und Featurebroschüre vom Deutschlandradio – Juni 2013
Redaktion: Brigitte Vankann